Konfrontation statt Kuscheltoleranz

Meine Erfahrungen mit unserer syrischen Gastfamilie und warum Regeln und Streitkultur mehr bringen als Sozialromantik: Eine nachdenkliche Betrachtung von WWW-Chef Christian Hlade

Integration heißt nicht nur, »gut, lieb und nett« zu sein und eine naive Kuscheltoleranz zu pflegen, sondern bedarf auch immer wieder der klaren Konfrontation bzw. einer aktiven Auseinandersetzung.
Einen Beitrag zur Integration von Zuwanderern leistet Weltweitwandern auch durch Bereitstellung einer Unterkunft in Graz. Von September 2015 bis Dezember 2016 bewohnte eine syrische Flüchtlingsfamilie – ein Ehepaar aus Damaskus mit seiner vierjährigen Tochter – die Gästewohnung unserer Firma. Eine Erfahrung, die sich zugegebenermaßen schon bald als recht herausfordernd erwies. Mein persönliches Integrationsprojekt, das ich mit bestem Willen startete, entpuppte sich als wahre Herkules-Aufgabe. Denn ich musste aus eigener Anschauung erleben, wie schwierig Integration im Alltag tatsächlich funktioniert. Nach über einem Jahr Aufenthalt in unserer Wohnung in Graz konnte ich bei der Familie – trotz großem Bemühen von unserer Seite – leider nur wenig Bewegung in Sachen Integration registrieren.

Der Mann sprach nach fast einem Jahr in Österreich noch immer kaum Deutsch, die Frau – sie lebte nun bereits zwei Jahre in Österreich – auch nicht mehr als A2-Niveau. Viel Zeit verbrachten die beiden damit, via Smartphones auf Facebook syrische Einträge zu verfolgen oder zu posten. Ein Zeichen dafür, dass sie im Kopf weiterhin vollständig in ihrer alten Heimat lebten und in der neuen noch in keinster Weise angekommen waren. Was durchaus auch verständlich ist, wenn man versucht, sich in die Lage kriegstraumatisierter, existenziell erschütterter Menschen hineinzuversetzen. Auch meinen Großvater, der einst nach dem 2. Weltkrieg aus Slowenien vertrieben wurde, wo er als geachteter, erfolgreicher Unternehmer gelebt hatte, erfasste in seiner neuen Heimat Graz pure Resignation, die ihn bis zum Lebensende nicht mehr losließ.

Und dennoch war ich enttäuscht vom Verhalten bzw. der Haltung der syrischen Familie. Ich hatte mir wesentlich mehr Engagement und Eigeninitiative erwartet. Die gratis zur Verfügung gestellte Gästewohnung ist Teil unseres Privathauses in Graz – so lebten wir gleichsam Tür an Tür. Obwohl die syrischen Gäste unseren Garten mitbenutzten, war es ihnen offenkundig kein Bedürfnis, uns bei der Gartenarbeit oder Ähnlichem zu helfen. Auch Verabredungen für Kulturveranstaltungen wie gemeinsame Konzertbesuche oder Termine für geplante Ausflüge wurden oft nicht eingehalten. Zudem drohten die Gewohnheiten unserer Mieter – viel Feuchtigkeit beim Kochen und Duschen bei völligem Verzicht aufs Lüften – die Wohnung nachhaltig zu schädigen. Immer wieder musste ich die beiden darauf hinweisen, regelmäßig die Fenster aufzumachen, um die Wohnung zu lüften. Immer wieder vergebens!

Unterm Strich: So schwierig hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Erst nach einiger Zeit und nachdem ich einmal unmissverständlich laut und deutlich geworden war und wir auch zusätzlich schriftliche »Zusammenlebe- Regeln« vereinbarten, fruchteten meine Bemühungen schließlich nach und nach. Nach vielen Gesprächen funktionierten schließlich das Lüften der Wohnung und endlich ab Herbst 2016 auch ein bisschen die Mithilfe im Garten. Auch das Deutschlernen machte schließlich Fortschritte. Unsere Geduld und die Auseinandersetzung haben sich also gelohnt. Ganz abgesehen von den ohnehin spannenden Dingen, die die Unterbringung von Gästen aus einem fernen Kulturkreis mit sich bringt, wie die Einladungen zu syrischem Essen oder einfach auch die lebensnahe Konfrontation mit Kriegsflüchtlingen und allen dazugehörenden Erfahrungen.

Mein Fazit aus den Erfahrungen
Tatsächlich ist es in dieser Frage alles andere als leicht, eine »Position der vernünftigen, fremdenfreundlichen Mitte« einzunehmen. Sachliche Kritik am Verhalten einzelner Flüchtlinge und das Ansprechen existierender Probleme werden von rechtspopulistischer Seite umgehend als »Munition gegen Ausländer« verwendet – nach dem Motto: »Ja, wenn sogar der tolerante Hlade Probleme hat, dann muss das Flüchtlingsproblem ja ganz furchtbar sein.« Umgekehrt wird man von linksliberaler Seite rasch als »Nestbeschmutzer« betrachtet, der den Flüchtlingen mit seinen Äußerungen das Leben nun noch schwerer macht. Öffentlich Kritik zu äußern, ist verpönt. Daher ist auch der Umgang mit ihr in der Gesellschaft noch wenig souverän.Vor meinem biographischen Hintergrund müsste ich es nicht extra betonen, ich tu es dennoch: Nichts liegt mir ferner als pauschale Ressentiments zu schüren und damit Zuwanderern das Leben zu erschweren. Aber negierendes Verdrängen halte ich für genauso schädlich. Aus diesem Grund ist es mir ein Anliegen, im Sinne einer künftig besser gelingenden Integration meine Erfahrungen zu teilen und meine Schlussfolgerungen öffentlich zu machen. Unterm Strich muss freilich das Verbindende und Wertschätzende stets überwiegen.

Klar verständliche Regeln aufstellen & die Einhaltung einfordern
Integration heißt nicht nur, »gut, lieb und nett« zu sein und eine naive Kuscheltoleranz zu pflegen, sondern bedarf auch immer wieder der klaren Konfrontation bzw. einer aktiven Auseinandersetzung. Auch und gerade mit Flüchtlingen braucht es eine produktive Gesprächskultur für eine Arbeit am besseren Miteinander. Daher sind Diskussionen und respektvolle Auseinandersetzungen ganz wichtig für das Gelingen von Integration. Voraussetzung dafür ist auch das Aufstellen von Regeln, Zielen und Forderungen von Seiten der Gastgeber. Die Regeln im Gastgeberland sollten klar, verständlich und verbindlich aufgestellt werden. Mündlich und auch schriftlich. Wichtig dabei ist das Erklären der Regeln im wertschätzenden Dialog – aber auch eine respektvolle Kontrolle des Einhaltens der Regeln, gepaart mit Geduld und manchmal auch ein wenig positiver Strenge. So habe ich eines Tages begonnen, schriftlich klare Verhaltenshinweise und Regeln für die Wohnungsbenützung sowie die Mitarbeit im Garten aufzustellen und einzufordern – wertschätzend, aber mit Nachdruck. Auch das Deutschlernen habe ich zunehmend energisch eingemahnt. Die Zuwanderer müssen schließlich oft völlig neue Verhaltensweisen einüben und das braucht Zeit. Man darf nie vergessen: Alltagsdinge, die in unserer Kultur selbstverständlich sind – wie das Lüften von Wohnungen, die Einhaltung vereinbarter Termine etc. – sind nicht für alle Menschen gleich selbstverständlich. Schließlich war auch für manche Österreicher eine Änderung der Wohngewohnheiten in der Vergangenheit notwendig, weil bei modernen Wohnungen mit luftdichten Fenstern viel mehr gelüftet werden muss. Das Einüben neuer Verhaltensweisen ist ähnlich dem Lernprozess bei Kindern. Immer wieder muss man geduldig die Regeln erklären. Immer wieder muss man Nein sagen und immer wieder nachkontrollieren. Gleichzeitig sollte man mit den neuen Zuwanderern natürlich nicht wie mit Kleinkindern reden, sondern möglichst »auf Augenhöhe« kommunizieren. All das ist natürlich sehr herausfordernd und gelingt mir, offen gesagt, auch nicht immer optimal. Aber ich bemühe mich und versuche, aus eigenen Fehlern zu lernen.

Integration ist harte Arbeit, aber es gibt keine Alternative dazu
Gelingende Integration braucht viel Anstrengung von beiden Seiten. Niemand soll behaupten, dass Integration einfach und ohne Probleme verläuft. Für unsere Gesellschaft ist es aber von enormer Bedeutung, diese Herausforderung zu meistern, weil logische Folgeprobleme in einer Zunahme von Aggression und Gewalt münden würden. Keine erstrebenswerte Alternative! Was wir daher jetzt brauchen ist interkulturelles Know-how, viel Motivation und hohe Investitionen. Finanziell, aber auch menschlich.

Die Wichtigkeit der richtigen Motivation
Bei unseren vielen kulturverbindenden Empowerment- Projekten haben wir eines immer wieder gesehen: Besteht eine hohe Motivation dank erstrebenswerter Ziele, geht Integration und Spracherwerb zumeist ganz leicht und rasch. Meiner Erfahrung nach entwickeln sich Menschen, die eine klare Aufgabe bzw. ein klares Ziel haben – ich denke z. B. an unsere Guides –, wesentlich schneller weiter. Diese können sich oft erstaunlich rasch in einer anderen Kultur und Sprache zurechtfinden. Das Bieten von Perspektiven sollte daher auch oberstes Ziel in der Integration von – leider viel zu oft perspektivenlosen – Menschen mit Migrationshintergrund sein. Wobei eine positive Motivation nicht nur bei den Gästen, sondern auch von Seiten der Gast geber entscheidend für gelingende Integration ist. Fremdenfeindlicher Rechtspopulismus mit seinen abwertenden Slogans zerstört diese positive Motivation auf beiden Seiten und behindert damit eine gelingende Integration. Ebenso integrationshinderlich sind aber auch unrealistische Erwartungshaltungen auf Seiten der Flüchtlinge: Die große Not in der alten Heimat, die Versprechungen der Schlepper und märchenhafte, westliche Fernsehserien lassen oft ein verzerrtes Bild vom »Westen als Schlaraffenland« entstehen. Ein Zerrbild, das in Unkenntnis der Zusammenhänge die Tatsache ausblendet, dass unser Sozialstaat nur durch mühevolle Erwerbsarbeit und die Steuerleistungen der Staatsbürger ermöglicht wird. Dieses »Anspruchsdenken« an den »Goldenen Westen« führt letztlich in die Passivität und untergräbt die Eigeninitiative. Zudem kommen viele Flüchtlinge aus Diktaturen bzw. sehr hierarchischen Gesellschaften, die von früher Kindheit an zu striktem Obrigkeitsdenken erzogen wurden und jedes kritische Denken unterdrückten. Hier sind wir voll gefordert, diese »Traumbilder« richtigzustellen. Daher müssen wir diesen Menschen aktiv klar machen, dass es hierzulande Sprachkompetenz, eine gute Ausbildung und vor allem Fleiß und Erwerbsarbeit braucht, um seinen Lebensunterhalt sichern zu können. Diese Wunsch- und Zerrbilder sind übrigens kein Spezifikum von Migranten: Auch wir selbst tragen verzerrte Bilder mit uns herum und geben uns etwa gerne schwelgend unreflektierten Bildern von der »traumhaften Südsee« oder dem »glücklichen, früheren Tibet« hin.

Smartphones als Integrationshindernis
Internet, soziale Medien und Smartphones erlebe ich durchaus als hinderlich für Integration. Sehr viele Flüchtlinge verbringen dank sozialer Medien täglich unzählige Stunden mit der alten Heimat und beschäftigen sich dadurch fortwährend mit Krieg und Vertreibung. So verständlich das Verhalten sein mag, es erschwert natürlich ein Ankommen in der neuen Heimat. Denn mit der »digitalen Nabelschnur« sind die Menschen geistig weiterhin mit ihrem Herkunftsland und mit dem Thema Krieg verbunden und erleben auf diese Weise persönliche Kriegstraumata – schreckliche Erlebnisse, Tod, Gewalt und Verluste – immer wieder neu, Hier ist große Geduld von unserer Seite gefragt. Zugleich braucht es auch hier klare Regeln für das verpflichtende Abschalten von Mobiltelefonen während der Arbeit bzw. in Kursen.

»Multikulti« ohne Scheu vor Konflikten
Natürlich gibt es schwere seelische Verwundungen durch Krieg und den Verlust der Heimat sowie Ohnmachtsgefühle totaler Entwurzelung. Ein Umstand, der uns zu mehr Geduld anregen sollte, aber freilich keine Dauerentschuldigung für unakzeptables Verhalten darstellen darf. Auch wenn man – so wie ich – selbst liberal und »multikulti« eingestellt ist, muss es erlaubt sein, ehrliche Kritik am Verhalten von Asylwerbern bzw. Asylberechtigten zu üben und legitime Bedenken zu äußern. Auch das Aufstellen von Regeln und Forderungen an Zuwanderer und die Kontrolle deren Einhaltung ist keine Zumutung, sondern sinnvolle Grenzziehung zum Wohle aller Beteiligten. Diese respektvolle, aber entschiedene Art des Umgangs könnte auch den aktuellen Spaltungstendenzen in der Gesellschaft entgegenwirken. Denn Kritik und Bedenken gegenüber dem Verhalten von Migranten sind derzeit quasi monopolhaft von Rechtspopulisten – in einer sehr undifferenzierten, teils unappetitlichen Art – besetzt. Das sehe ich als keine erfreuliche Entwicklung – im Gegenteil: Sie macht mir große Sorge! Daher wäre eine offene, tabulose, aber auch produktive und sachliche Auseinandersetzung in dieser Frage ohne Scheu vor Konflikten meiner Überzeugung nach umso wertvoller und zielführender.

Rechtspopulismus ist Teil des Problems, nicht der Lösung!
Wir müssen lernen, mit Zuwanderung produktiv und ohne Panik umzugehen. Kriege und Klimawandel werden auch in Zukunft Fluchtbewegungen auslösen. Und wir können das gerade jetzt gut üben. Das Schüren von Vorurteilen und die Angstmache fremdenfeindlicher Rechtspopulisten – und teils auch von Seiten mancher Medien – verschärfen das Problem nur, statt zur Lösung beizutragen. Bei starren Fronten gibt es keinen Dialog, keine positive Motivation auf beiden Seiten, keine produktive Auseinandersetzung miteinander. So können auch keine guten gemeinsamen Lösungen entstehen! Fremdenfeindlicher Rechtspopulismus macht unsere Probleme nur größer. Allerdings ist umgekehrt auch die »rosarote Brille« kontraproduktiv, wenn sie real existierende Probleme unter den Teppich kehrt und Konfliktpunkte leugnet. Unterm Strich halte ich daher Panikmache genauso wie das Negieren bestehender Probleme für eine gefährliche Zeitbombe.

Schluss mit Pauschalzuschreibungen wie »die faulen Flüchtlinge«
Ob Syrer oder Österreicherinnen: Jeder Mensch ist höchst unterschiedlich. Hier wie dort gibt es offene, aufgeschlossene, sympathische – aber auch weniger nette Persönlichkeiten. Es gibt auch nicht den einen Islam. Ich habe auf meinen vielen Reisen unzählige Ausprägungen des Islam und riesige kulturelle Unterschiede in den verschiedenen islamischen Ländern kennenlernen dürfen. Pauschalzuschreibungen wie der »aggressive oder gefährliche Islam« sind daher aus meiner Sicht völlig inakzeptabel.

Positive Motivation auch bei uns Europäern!
Ich muss offen zugeben: Ich hätte mir das alles viel leichter vorgestellt! Aber das ist einer der Wesenszüge unserer globalisierten Welt: Niemand soll behaupten, dass die Herausforderungen heute einfach sind. Aber wir haben keine Wahl: Wir müssen uns diesen Aufgaben stellen, denn Kriege existieren und »produzieren« Flüchtlinge. Die Ungleichheiten auf der Welt wie auch der durch unsere Lebensweise ausgelöste Klimawandel führen zu Migrationsströmen. Ob wir es wollen oder nicht: Zuwanderung findet statt. Wanderbewegungen von Menschen gibt es seit Jahrtausenden und haben unsere heute bestehende Zivilisation erst ermöglicht, sonst würden alle Menschen des Planeten immer noch in Afrika, der »Wiege der Menschheit«, leben! Die aktuelle Situation zu negieren, ist daher keine Lösungsoption. Sich die Flüchtlinge wegzuwünschen und den Kopf in den Sand zu stecken, genauso wenig. Was es stattdessen braucht ist noch viel mehr an Engagement und aktivem Zugehen – gepaart mit klaren, realistischen Forderungen an die Flüchtlinge selbst. Daher mein Appell: Lasst uns aktiv, produktiv und positiv in die Zukunft schauen! Das Thema ist lösbar, aber weder durch reflexartigen Rechtspopulismus noch durch eine sozialromantisch getönte rosarote Brille noch durch verdrängende Vogel-Strauß-Politik oder durch Dauerverdruss und Katzenjammer. Österreich hat in diesem Bereich sehr viele positive Erfahrungen. Ich bin selbst das Kind einer Flüchtlingsfamilie. Mein Vater kam nach dem 2. Weltkrieg aus Slowenien und meine Mama aus Tschechien nach Graz. Ich fühle mich zu 100 Prozent als Österreicher und liebe dieses Land. Und ich glaube felsenfest an die große Lernfähigkeit und die positiven Kräfte der Menschen. Ich habe auch keine Zukunftsängste, sondern sehe diese große Herausforderung als Ansporn für uns, aus unserer oftmals vorhandenen eigenen Bequemlichkeit aufzustehen und die Zukunft auf unserem Planeten – gemeinsam mit unseren neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern – positiv, friedlich und glücklich zu gestalten! Weltweitwandern bemüht sich, aufgrund seiner Erfahrungen in über 80 verschiedenen Ländern mit fast ebenso vielen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen und dank unzähliger kulturverbindender Empowerment-Projekte mit Know-how und gutem Willen, aber auch viel Realismus positiv zu diesem riesigen Zukunftsthema beizutragen.

 

Die Herausforderungen sind zu schaffen! Gehen wir es gemeinsam an!
Christian Hlade, Leiter von Weltweitwandern

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